Tempo 80 auf der Autobahn – ein Selbstversuch.

Machen wir uns nichts vor: die 13 Jahre Zeit bis zum endgültigen Point Of No Return in Sachen Klimawandel ist wohl eher theoretischer Natur. Seit Jahren gibt es keinen normalen Winter oder Sommer mehr, nur noch Mischmasch- oder Extremwetter.
Da ich davon überzeugt bin, dass in nicht allzu ferner Zukunft ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen herrschen wird, um dem CO2-Ausstoß Einhalt zu bieten, habe ich einen gefährlichen Selbstversuch unternommen: mit Tempo 80 über die Autobahn…
Ich fahre öfters die Strecke von Oberhausen nach Ibbenbüren und zurück (A30 – A31 – A2 – A516). Das sind ziemlich exakt 150 Kilometer (eine Fahrt). Die Strecke schaffe ich in durchschnittlich etwas weniger als 1 Stunde und 20 Minuten. Der Verbrauch liegt bei min. 6,5 Litern pro 100 Kilometer. Aber was passiert, wenn man konstant Tempo 80 fährt? Bitte sehr:
15:00 Uhr. Ich starte in Oberhausen. Das kurze Stück A516 bietet einen kleinen Vorgeschmack auf das, was kommt. Es sind zwar nur ca. 2 Kilometer bis zur Auffahrt auf die A2. Aber ich habe das Gefühl, dass mich auf der Strecke mindestens 700 Autos überholt haben. Die A2 bietet kein besseres Bild. Es ist unmöglich, sich mit Tempo 80 auf eine Autobahn einzufädeln. Die Idee, einfach auf dem Standstreifen weiterzufahren (da störe ich wenigstens niemanden), verwerfe ich relativ schnell wieder.
15:15 Uhr. Ich bin auf der A31. Jetzt sind es ca. 120 Kilometer einfach geradeaus. Eigentlich simpel. Oder? Mein Tacho sagt mir, dass ich viel zu schnell fahre. Langsam lasse ich mich auf exakt Tempo 80 zurückfallen. Meine Güte, gleich steh‘ ich! Ich kann rechts und links ganz deutlich die Landschaft erkennen. Kein endlos grau-grünes Mischmasch sondern Wiesen, Felder, Bäume, Häuser, Leitplanken und Lärmschutzwände.
15:40 Uhr. Es ist schwierig, Tempo 80 zu halten. Immer wieder ertappe ich mich, dass ich doch noch schnell jemanden überholen möchte und wieder bei Tempo 120 bin. Und wenn man dann wieder 80 fährt, kommt es einem vor, als ob man alle anderen Autofahrer blockiert. Eine längere Baustelle bei Borken zwingt alle Autofahrer zu Tempo 60. Wenigstens theoretisch. In der Praxis ziehen weiterhin viele Autos links an mir vorbei.
16:00 Uhr. Ein LKW nähert sich wieder einmal bedrohlich. Ich habe gedacht, dass LKW am Sonntag nicht fahren dürfen. Nur mit Sondergenehmigung. Kann ein Autolaster für den Sonntag eine Ausnahmegenehmigung bekommen? Ich werde später darüber nachdenken, denn inzwischen hängt mir der LKW so nah an der Stoßstange, dass ich nicht einmal mehr seine Scheinwerfer sehen kann. Er findet eine freie Lücke und schwenkt an mir vorbei. Ich sehe mich schon als Engel davonschweben. So dicht war ich einem LKW noch nie. Als das Fahrerhaus an mir vorbeizieht, vermeide ich jeglichen Blickkontakt mit dem Fahrer. Ich würde ihn sowieso ncht sehen. Aber ich höre ihn fluchen. Bestimmt. Der Angstschweiß auf meiner Stirn verfliegt so langsam, als ich auf die A30 biege.
16:20 Uhr. Nur noch wenige Kilometer. Ich habe die Geschwindigkeit inzwischen gut im Griff. Mein Durchschnittsverbrauch liegt bei ca. 5,0 Litern auf 100 Kilometer. Endlich mal ein Erfolg. Sonst verbrauche ich mindestens 6,5 Liter (und wäre schon am Ziel angekommen). Anscheinend wird man mit der Zeit auch cooler den anderen Autofahrern gegenüber. Ich lächle freundlich zurück, wenn mich wieder mal ein entnervter Raser überholt und mir giftige Blicke in mein Fahrerhäuschen wirft. „Mecker‘ du ruhig, Junge. Irgendwann wirst auch du Rad fahren müssen!“, denke ich bei mir.
16:45 Uhr. Ziel erreicht. Nach 150 Kilometern, fast 2 Stunden Fahrtzeit und einem Durchschnittsverbrauch von 5 Litern ziehe ich ein positives Fazit. Irgendwie ist man entspannter, auch wenn man ca. 100 mal bedrängelt wurde. Der geringere Verbrauch freut den Geldbeutel und die Umwelt gleichermaßen. Man hat mehr von der Landschaft gesehen und konnte zwischendurch mal über Dinge des Lebens nachdenken. Man wird cooler. Und wahrscheinlich ist es auch sicherer, wenn man 80 statt 150 Sachen fährt. Ich werde in Zukunft öfters mal langsamer fahren. Allein der finanzielle Anreiz ist bei den derzeitigen Spritpreisen für mich ein Argument. Negatives kann ich nicht entdecken, außer dass man naturgemäß etwas länger unterwegs ist. Dazu passend der Spruch der Feuerwehr: „Fahren Sie ruhig schnell. Wir schneiden Sie ‚raus!“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen.