Gastbeitrag “Kleines Fachgeschäft”

Ein Gastbeitrag von Thorsten aus Oberhausen.


Bei uns in der Straße gibt es ein kleines Fachgeschäft, das Mitte des Jahres seine Pforten schließen wird. Die Besitzer gehen in den Ruhestand. Aber kein Nachfolger und die Besitzer sehen noch nicht aus wie Rentner.
Ich denke also mal, es liegt eher an der weniger werdenden Kundschaft.
Ähnlich, wie es in der Marktstraße bereits geschehen ist, stehen hier bereits einige Läden leer.

Ich denke mal zurück an meine Kindheit in Sterkrade. Da gab es in der Stadtmitte viele Fachgeschäfte.
Zoo Genter, Radio Baldow, Gardinenläden, Feinkost und Süßigkeiten-Läden und einen Elektronik Shop, in dem man Glühlämpchen und Widerstände kaufen konnte. Den (gar nicht so kleinen) Eisenwarenladen. Ein Musikgeschäft mit Schallplatten und Instrumenten.
Manchmal habe ich mich damals in den Bus gesetzt und bin In die Marktstraße gefahren.
Im Kaufhof oder den anderen Läden zu stöbern.
Ok, es gab schon Aldi, Plus und auch Otto und Quelle. Aber man ging in die kleinen Läden in der Stadt, wenn man mal auf die Schnelle was brauchte.
Beim Zooladen hab ich Vogelfutter gekauft, heute fährt man zu Zajac oder Fressnapf. Oder bringt es von Real und Kaufland mit.
Schuhe gab’s beim Schuhhändler und nicht von Zalando.
Kleidung kaufe man bei Lantermann oder im anderen kleinen Laden. Oder halt C&A.
Radios, Plattenspieler und Platten gab’s bei Baldow. Media Markt gab’s noch nicht, der kam erst später.
Schrauben und Werkzeug gab’s nicht bei Obi sondern beim Eisenwarenladen.
Die kleinen Läden verschwinden immer mehr. Ausgefeilte Logistik der großen Ketten ersetzt das „Ham wa nich da, aber können wir schnell besorgen“
„Die Hose passt nicht, also machen wir sie passend“ hieß es damals. Heute wächst man rein. Mit 40. Ok.

Als es Baldow nicht mehr gab habe ich mir eine Stereoanlage in einem kleinen Laden gekauft, dessen Besitzer die einzelnen Komponenten aus dem Regal nahm, zusammenstöpselte,
mich auf ein Sofa bat und sagte: „Setz dich hin und hör zu“. Heute geht man in ein Hi-Fi Studio bei Media Markt. Knopf drücken und hin und her schalten. Bei Fernsehern ähnlich.
Was mir aber bei den Flächenmärkten immer auffällt: Das Bild in den Fernsehern dort ist immer irgendwie „unschön“. Mit Absicht? Damit man ein bestimmtes Modell kauft? Oder Stand der Technik? Ich bleibe bei meinem Röhrenfernseher.

Die kleinen Läden werden immer weniger. Dafür kommen die großen Ketten immer mehr. Früher gab’s jede Menge Autozubehör-Läden.
Die kleinen geben auf, die großen bleiben. Irgendwann gehen auch die und es gibt nur noch ATU und Pitstop.

In ein paar Jahren gibt es keine kleinen Geschäfte mehr, wo man mit dem Inhaber einen Plausch halten kann.
Der einem auch zur Not genau das besorgen kann, was man braucht, auch wenn er es nicht im Sortiment hat.

Die neuen Läden kommen mit einem Riesensortiment, von Zentralen vorgegeben, Der Inhaber ist eine Aktiengesellschaft. Mit der kann man nicht reden.
Sonderwünsche sind „nicht gelistet und können daher auch nicht bestellt werden.”
Dafür isses billiger, oder? Neulich habe ich Bremsbeläge gekauft.
Es war ein Samstag und es war vor einer Woche in der ich keine Zeit gehabt hätte. Also bleibt nur ein Kettenhändler.
Ich habe anschließend eine Quittung von meinem Stammhändler rausgekramt, so ein kleiner um die Ecke.
Bei dem ich seit Jahren kaufe, gut beraten werde und bei dem sich ein „Du“ entwickelt hat.
Die Eigenmarke der Kette kostete ein paar Cent mehr. Dafür fehlten auch die Belagfühler und Schrauben, die beim Markenprodukt meines Stammdealers enthalten sind.
Irgendwie habe ich bei den kleinen Geschäften nie mehr bezahlt, als bei den Großen.
Denn ich musste nicht weit fahren, sie lagen um die Ecke. Die Qualität ist meist besser und die Preise, wenn sie denn wirklich mal höher waren als im Großgeschäft, haben etwas enthalten, das man mit Geld nicht aufrechnen kann. Das persönliche Gespräch mit einem Inhaber, der sich tatsächlich an das letzte gekaufte Teil erinnert.

Irgendwann machen die letzten dieser Läden zu. Einkaufsstraßen, wie es die Marktstraße oder die Bahnhofstraße mal waren, wird es nicht mehr geben.
Die kleinen freien Geschäfte, Frisöre, Optiker und Co werden durch 1€-Shops ersetzt, Bücher kauft man nur noch in den Ketten von Hugendubel und Thalia, Und für den Rest gibt’s Fielmann, Frisör Klier, ATU, Media Markt, Fressnapf und so weiter.
Die Großen gehen in die Einkaufszentren und die Kleineren haben dann auch keine Lust, eine ganze Einkaufsstraße zu bespaßen.
Die Feinkostläden meiner Kindheit gibt’s nicht mehr, dafür gibt es Feinkost Aldi auf der grünen Wiese.

Finden wir uns damit ab: Die kleinen Läden sterben aus, entweder übernehmen die großen Ketten ihren Platz oder das Internet.
Und ich erinnere mich mit Wehmut, an die Zeiten, als ich in den Eisenwarenladen ging und der Verkäufer fragte, „Na, brauchst du wieder mal eine Schraube?“

Nein. Eine Schraube brauch ich nicht. Einen passenden Schraubenschlüssel. Denn irgendwie haben wir alle eine Schraube locker. Dass wir so etwas zulassen.
Wir regen uns auf, dass Einkaufsstraßen veröden, obwohl wir sowieso nicht mehr hingehen.
RIP Kleines Fachgeschäft.


Ein Gastbeitrag von Thorsten aus Oberhausen.

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