Damals, der Jürgen…

Manchmal frage ich mich, ob das jetzt schon alles war.

Klar, in meinem Alter macht man sich schon mal häufiger Gedanken über den Sinn des Lebens. Aber letztlich komme ich dann zu dem Schluss, dass ich mir nicht den Kopf über den Sinn an sich zerbrechen sollte. Der Weg ist das Ziel, auch wenn das albern klingt.

In solchen lichten Momenten der Wahrheit (Wow, diesen Satz muss ich mir merken!) fällt mir Jürgen ein. Wie man bereits mehrfach auf meiner ehemaligen Homepage nachlesen musste, habe ich meine Kindheit in Vonderort verbracht und es an den dortigen Tischtennisplatten (aus Beton!) beinahe zum Tischtennisweltmeister gebracht. (Nun ja, sagen wir mal zum Beton-Tischtennisplatten-Weltmeister-Anwärter.) Das muss so um 1985 gewesen sein. Ich war also ca. 14 Jahre alt.

Eines Tages nun stand Jürgen dort. Jürgen war das, was man damals als Landstreicher bezeichnet hätte. Der heutige Begriff „Penner“ wäre für Jürgen unpassend gewesen. Er war so um die 40 Jahre alt und trug meistens einen Bundeswehrparka. Er fragte, ob er mal einmal mit mir Tischtennis spielen durfte. Meine Eltern hatten nichts dagegen, also durfte er und er konnte sogar recht gut spielen. In der folgenden Zeit kam er hin und wieder vorbei und wir lieferten uns ein paar aufsehenerregende Showkämpfe. Er war recht flink auf den Beinen und wuselte jedem Ball hinterher. Heute glaube ich, dass er mich sehr oft absichtlich hat gewinnen lassen. Er spielte in einer anderen Klasse als ich zu der Zeit.

Jürgen erzählte öfters von sich und aus seinem Leben. Er drängte uns die Geschichten nicht auf, und ich habe sie damals mehr oder weniger nur gehört aber nicht weiter verarbeitet. Jürgen war mal verheiratet, die Ehe ging in die Brüche, er musste ausziehen, etc. Am Ende hatte er nur noch einen Rucksack voller persönlicher Dinge und die Straße. Für viele wäre dies das Aus gewesen. Anscheinend aber nicht so für Jürgen. Er erzählte manches Mal so lebhaft von seinem jetzigen Leben, dass man glauben musste, er würde nie wieder mit seinem „alten“ Leben tauschen.
Nach einigen Monaten verschwand Jürgen wieder und wurde nie wieder gesehen. Er hat aber etwas zurückgelassen, das ich erst nach mehreren Jahren begriffen habe: der Weg zum Glücklichsein ist in dir selbst verborgen, du musst nur danach suchen und es begreifen, wenn du es gefunden hast.
Um zum Anfangspunkt zu kommen: war das jetzt alles? Oder sollte man sich die Frage erst stellen, wenn sich die letzte Sekunde des Lebens dem Ende zuneigt? Ich glaube, man sollte jeden Tag dankbar sein, dass das Bisherige hoffentlich nicht alles war. Und man sollte die kleinen Dinge des Lebens mehr schätzen, auch in der Rückschau. Jedes Ding hat bekanntlich zwei Seiten, die man nicht immer sofort erkennt.
Ach ja, fast hätte ich’s vergessen:
Danke, Jürgen!!!

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