Meine Stöckmannstraße

Ich bin in Oberhausen geboren, genauer gesagt in der Stöckmannstraße 35. Die Stadtluft, mit all ihren Unannehmlichkeiten liegt mir also im Blut. Mein Spielplatz war die Straße, unser Hinterhof und die kleineren Spielplätze die es damals so gab: im Hof der Häuser gegenüber gab's einen kleinen Sandkasten und wir konnten uns stundenlang mit einer Schaufel und ein paar Kubikmetern Sand vergnügen.

"Wir", damit meine ich ein paar gute Spielkameraden, alles "Straßenkinder", so wie ich. Wir hatten feste Zeiten, an denen wir uns getroffen haben. Feste Orte, wo wir hingegangen sind. Rituale der Großstadtkinder. Ein beliebtes Spiel war dabei "Schellemännchen", besonders faszinierend an der großen Klingelanlage der Hochhäuser an der Friedrich-Karl-Str. Es war lustig, mit der Hand die Knöpfe entlangzufahren und 10 Sekunden später redeten ein Dutzend Leute durch den Lautsprecher und der Türöffner summte wie verrückt :) Junge, sind wir dann flitzen gegangen. Und die kleine Hecke bei VW Plätz gegenüber, dort konnte man die ungewöhnlichsten Dinge finden, alles Teile aus Autos, die man wunderbar als kleines Kind sammeln und benutzen konnte.

Die Gleise des Hauptbahnhofs waren für uns tabu und so hielten wir es auch. Ich kann mich nicht erinnern, jemals näher als 10 Meter dort hingegangen zu sein. Wo sich heute der Parkplatz des DGB befindet, war früher ein Schrotthändler. Sein Firmenschild stand ungefähr dort, wo heute die Treppe ist. Ich kann mich erinnern, dass es dort mal gebrannt hat. Die zweite Treppe an der Brücke war schon damals ominös. Ich meine, es war ein großes Gitter davor, das immer abgeschlossen war.

 
Unser Lebensmittelgeschäft war ein kleiner Spar-Laden nebenan, Inhaber war Familie Nellesen. Und der VA-Markt, ein paar Meter weiter am Altmarkt. Man kannte sich. Alle waren freundlich. Gegenüber von unserem Haus gab es verfallenes Haus, dort durfte man natürlich niemals hinein, geschweige denn spielen. Auf gar keinen Fall durfte man das... :) Manchmal sah man "Landstreicher" dort ein- und ausgehen. Wir waren sehr enttäuscht, als das Haus endgültig abgerissen wurde. An seiner Stelle sind Garagen entstanden. Links und rechts daneben stehen Plakatwände, dahinter standen wir oft stundenlang und haben aus allen möglichen, auf der Straße gefundenen Zutaten Zaubertränke gemixt, die wir allerdings niemals an uns selbst ausprobiert haben. Ach, und unser Bäcker, der war tatsächlich an der Ecke. Ich glaube, er war ziemlich im Stil der 60er eingerichtet. Es roch immer so gut dort, und wenn man brav war, bekam man süße Plätzchen. Ich kann mich noch gut an den Schirmständer erinnern. Ein sehr verschnörkeltes, goldenes Dingelchen, sehr unpassend für einen Laden, der gerade mal so groß wie ein Zimmer war. Ich glaube, der Schirmständer hat niemals in seinem Leben einen einzigen Schirm gesehen. Als ich kleiner war, durfte ich an der Theke auf die Ablage klettern, die eigentlich für Taschen gedacht war. Als ich größer und schwerer wurde, durfte ich das irgendwann nicht mehr.
 
Und dann unsere Nachbarn auf "unseren" 300 Metern Straße. Da gab es die "Schokoladen-Oma". Sie hat mir jedesmal eine Tafel Schokolade geschenkt, aber nur wenn ich ihr ordentlich die Hand gegeben und sie begrüßt habe. Eine sehr liebevolle und gütig dreinblickende Dame. Sie ging am Stock, solange wie ich sie kannte. Und dann der "Schönschrift-Opa". Er mochte uns Kinder nicht besonders und sprach immer davon, dass wir lieber Schönschrift üben sollten, anstatt hier auf der Straße zu spielen. Wir waren vielleicht mal fünf Jahre alt und wussten überhaupt nicht, was Schönschrift ist. Und dann die Frau mit ihrer "Anka". Das war eine Boxer-Hündin, die mich immer vollschlabberte. Ihr kurzes Fell und ihren warmen Sabber spüre ich heute noch :)
 
Unsere Nachbarn hatten lange Zeit ein Zoofachgeschäft (Griesbacher) im Haus. Danach gab's dort ein alternatives Lebensmittelgeschäft (Sesamo). Heute befindet sich dort ein Bilderladen. Zoo Griesbacher befindet sich heute ein paar Meter aufwärts Richtung Altmarkt. Ach ja, der Altmarkt. Dort haben wir nach dem Wochenmarkt gestanden und dem Müllauto zugeguckt, das all die Obst- und Gemüsekistchen gefressen hat. Irgendein Markthändler kam immer und hat eine ganze Ladung davon auf einem alten Metallkarren angefahren. Ich rieche noch heute den komischen Geruch von Gemüse und Abgasen.
 
Auf dem Hof hinter'm Haus hatten wir tatsächlich einen Stall. Dort hatte sich mein Vater eine komplette Mini-Werkstatt eingerichtet. Er war Tischler, konnte aber wegen eines Schlaganfalls seinen Beruf nicht mehr ausüben und hatte demnach viel Zeit. Er baute dort alle möglichen und unmöglichen Dinge aus alten Teilen zusammen. Er war beinahe ein Fummelbruder.
 
Wenn ich bis ganz oben auf unseren Dachboden kletterte und das alleralleroberste Fenster aufmachte, sah ich Oberhausen, oder zumindest einen großen Teil davon. Im Sommer lehnte ich mich weit hinaus, die heiße Luft vom Dach war wohltuend bis brüllend, hier oben hörte man fast kein Geräusch der brodelnden City dort unten. Man war allein, mit sich und der Welt. Man konnte den anderen Leuten zugucken, wie sie auf ihren Balkonen grillten oder Blumen pflanzten oder einfach nur faulenzten. Das große Haus gegenüber war wie ein riesiger Fernseher. Immer gab es etwas zu sehen. 
 
2004, diese Zeilen entstehen. Ich denke über meine Vergangenheit nach. Mein Aufwachsen in der Stadt. Sicherlich war es schön "damals", aber es ist auch heute schön, in dieser ewig jungen und modernen Stadt zu leben. Ich trauere der so genannten alten Zeit nicht nach. Im Gegenteil.
 
2012, ich habe den Zeilen ein paar weitere hinzugefügt. Inzwischen sind 8 Jahre vergangen. Ich würde den letzten Absatz heute nicht unbedingt so stehen lassen. Oberhausen hat sich verändert. Es ist nicht mehr so schön wie früher. Im Gegenteil. Eigentlich ist alles viel, viel schlechter geworden. Ich wünschte, es wäre wieder 2004. Oder 1985. Da war die Welt noch in Ordnung. Und damit meine ich nicht meine persönliche Situation.
 
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