Damals, im Freibad von Vonderort, 80er Jahre.

Zuerst anstehen in der Schlange. Luftmatratze, Wolldecken und Campingstühle unter'm Arm. Ich kann das Chlorwasser schon riechen. Und Sonnenöl. Das dunkelbraune in der dunkelbraunen Flasche mit dem gelben Aufkleber, der immer abgeht, sobald man die Flasche ein paar mal benutzt hat. Den ganzen Sommer über ist man von dem Öl benetzt. Mama und Papa sorgen dafür, dass ich keinen Sonnenbrand bekomme. Einmal in den Sandkasten und der Sand klebt überall an meinem Körper. Dann heißt es wieder einölen. Irgendwie wie lecker duftendes Sandpapier-Öl.

Dann ist man endlich im Freibad, rennt über die Wiese, flitzt hierhin und dorthin. Sucht einen schönen Platz. Nahe am Wasser, im Schatten, an den Steinbänken, am Eisstand. Aber doch so weit weg vom Eisstand, dass die Wespen keine unmittelbare Chance haben. Endlich habe ich einen Platz gefunden. Meine Eltern einen anderen. Wir nehmen natürlich den von meinen Eltern. Hose und T-Shirt ausziehen, ab ins Wasser. Aber vorher noch schnell einölen.

Die Wiese wieder runterflitzen. Vorbei an und über Obstkitschen, die sich in die Fußsohle hämmern. Ab unter die arschkalte Dusche. Das Wasser an den Füßen ist warm. Falls die Dusche lange nicht benutzt wurde auch heiß. In jedem Fall aber dreckig von den Sträuchern daneben. Und voller Sand. Auf den silbernen Knopf hauen. Die Dusche verspritzt ihre eisigen Strahlen. Ich hebe den Fuß an. Dann den anderen. Ganz unter die Dusche trau' ich mich nicht. Ein Temperaturunterschied von 20 bis gefühlten 40 Grad Celsius.

Über die kochend heißen Steine zum Wasser. Erst in das Schwimmerbecken. Langsam vom Rand reingleiten lassen. Die Schwimmmeister sind Aufpasser. Sobald es spritzt, bekommt man einen Pfiff und die Bloßstellung vor 100 anderen Leuten.

Einmal hin und her tauchen. Dann zu der Leine mit Bällen, die den Schwimmer- vom Nichtschwimmerbereich trennt. Rüberschwimmen wie ein Delphin. Zurücktauchen. Und noch einmal drüber.

Zum Rand schwimmen, aussteigen und über die kochend heißen Steine zum Taucherbecken. Auf den Einerbock und mit den Füßen zuerst ins eisige Wasser. Hoffentlich hat den stümperhaften Sprung niemand gesehen. Das Becken wirkt tief. Verdammt tief. Ich frage mich immer wieder, ob man auf dem höchsten Sprungbrett mit viel Anlauf bis an den Rand springen und sich tierisch wehtun könnte. Das darf doch eigentlich nicht sein?

Aus dem Eiswasser 'raus und auf die kochendheiße braune Holzbank setzen. Der Hintern brennt. Anlehnen. Der Rücken brennt nun auch. Trotzdem friere ich und zittere vor mich her. Ich habe wohl öfters blaue Lippen gehabt, sagen meine Eltern. Ich konnte mir nie vorstellen, dass meine Lippen gerade blau sind.

Dann an der Riesenrutsche anstellen. Langsam geht's vorwärts. Je höher man die Treppe steigt, um so geiler wird das Gefühl. Alles wird leiser, entfernter, kleiner. Wenn man oben ist, ist man trocken. Es gibt keine Ampel, die irgendetwas regelt. Man guckt einfach, ob der vor einem schon unten ist. Mit Schwung auf die blaue, glänzende Rutsche. Im Laufe der Jahre wurden in den Kurven Erhöhungen angebaut, damit niemand 'rausfliegen kann. Das ist auch nötig. Der Speed ist in meinen kleinen Augen unglaublich. Hin und her, abwärts. Man schluckt Wasser. Der Ausgang ist zu sehen. "Hoffentlich rutschst du niemandem auf die Birne" ist der letzte Gedanke und das Getöse geht los. Man landet im Wasser und ist glücklich. Nebenan ist eine kleine Rutsche. Raus aus dem Wasser, kleine Rutsche rauf und runter. Wie langweilig. Aber jetzt nochmal an der langen Rutsche anstellen? Nein.

Erst mal Pommes holen. Im Restaurant. Die Fliesen sind unangenehm für die Füße. Trocken, stumpf und kalt und manchmal auch heiß. Badelatschen sind 'was für Weicheier. Pommesleichen liegen unter den Tischen. Eigentlich liegen überall Pommesleichen. Schnell die Pommes mit Ketchup reinschlingen. Gleich beginnt das Wellenbad. Darf man mit vollem Bauch ins Wasser? Stirbt man? Nein, die Schwimmmeister passen schon auf. Das sind Luchse.

Das Wellenbad ist drei- bis zweigeteilt. Vorne ist der Strand. Da liegt sogar manchmal etwas Sand. Dann geht's bis zu der Leine sanft abfallend ins Wasser. Danach kommt der Schwimmerbereich und da gehts tiefer zu. Ganz am Ende vom Becken ist im Wasser das angstmachende Gitter. Kann man da mit den Füßen hängenbleiben? Werden die dann geschreddert? Die Wellenmaschine hört man hier ganz deutlich. Oben steht der Schwimmmeister und passt auf, dass man keinen Unsinn macht.

Kurz in die Kinderbecken. Hier ist nur Pipi drin, sagt man. Aber es ist schön warm. Um nicht zu sagen sehr heiß im kleinsten Becken. Das Becken ist meistens leer, bis auf den Sand. Selbst die Babys gehen schon ins nächstgrößere Becken. Dann noch mal eben in den Mini-Sandkasten. Jetzt bin ich gepudert. Oder versandet. Ab zu Mama und Papa. In die Decke wickeln, weil man kalt ist und weil die Eltern sagen, dass man schon ganz blaue Lippen hätte. Die Decke ist jetzt voller Sand. Ausschütteln. Die Nachbarn gucken blöde und regen sich fast darüber auf. Egal. Schnell einölen. Sandpapier-Öl.

Ein Capri von der Eisbude holen. Die Wespen terrorisieren mich. Das Papier klebt wie Hölle. Kurz die Hände ins Wasser tauchen. Mit dem Eis dran. Schmeckt lecker, auch mit Chlorwasser. Ich glaube, die Eisbude war früher eine runde, orangefarbige Orange. Danach eher ein Häuschen? Ich weiß es aber nicht mehr.

Papa geht auch mal mit ins Wasser. Mama geht fast nie ins Wasser. Und wenn, dann nur bis zum Rand. Mit den Füßen. Die Haare dürfen auf keinen Fall nass werden.

So geht es den ganzen Tag bis zum Einbruch der Dunkelheit. Dann bimmeln die Lautsprecher und kleine Kinder werden gesucht. Entweder panisch von ihren Eltern oder von den Schwimmmeistern, die jemanden zum Aufräumen der Wiese brauchen. Dafür gibt's dann Freikarten. 

Wir sind fast immer die letzten, die gehen. Barfuß zum Auto. Vorher noch im Fußbidet desinfizieren. Ob das jemals etwas gebracht hat? Steine und Split tun weh, aber man merkt eh nichts mehr. Die Füße sind wieder dreckig. Im Auto schlafe ich dann meistens schon ein.

 
Verdammt! Das ist jetzt 30 Jahre her. Wo sind diese 30 Jahre? Wo ist mein Vonderort? Wo kann ich meine Erinnerungen wiederholen? Ich fürchte, es werden immer nur noch schöne Erinnerungen bleiben. So viel zu meiner melancholischen Seite...
 
Schwimmbad Vonderort
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